Deniz Yücel: 368 Tage in politischer Haft

In seinem neuen Buch „Agentterrorist“ setzt sich der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel als persönlich Betroffener mit dem „System“ Erdoğan auseinander. Im November erzählte er seine Geschichte im Schauspielhaus Wien.

In seinem neuen Buch „Agentterrorist“ setzt sich der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel als persönlich Betroffener mit dem „System“ Erdoğan auseinander. Im November erzählte er seine Geschichte im Schauspielhaus Wien.

Seit dem fehlgeschlagenen Putschversuch in der Türkei 2016 gehen Justiz und Regierung härter denn je gegen kritischen Journalismus vor. Auch der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel wird 2017 in der Türkei angeklagt und inhaftiert. Nach seiner Freilassung 2018 schreibt er in seinem Buch „Agentterrorist“ über seine Zeit in Isolationshaft im Hochsicherheitstrakt Silvri Nr. 9. Im Zuge seiner Lesetour 2019 in Deutschland und Österreich machte er auch im Schauspielhaus Wien halt. Vor dem Hintergrund der anhaltenden Kritik an der türkischen Militäroffensive in Nordsyrien und den jüngsten Drohungen des türkischen Staatspräsidenten Erdoğan gegen die EU war die Lesung ausverkauft.

Deniz Yücel mit „Die Presse“ Journalistin Duygu Özkan bei der Lesung im Schauspielhaus Wien 09.11.2019. © Deniz Yücel

Vorwurf: Terrorpropaganda

Solange er im Amt sei, werde Deniz Yücel nicht ausgeliefert werden, erklärte der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan im Frühjahr 2017. Das Hochsicherheitsgefängnis Silvri Nr. 9 in der Nähe von Istanbul sollte nach dieser Erklärung noch mehrere Monate das Zuhause des „Welt“- Journalisten Deniz Yücel sein. Yücel analysiert in dem Buch „Agentterrorist“ die Entwicklung der Türkei in den vergangenen Jahren, die Mechanismen autoritärer Regime und betont die Wichtigkeit der demokratischen Öffentlichkeit. Er beschreibt zugleich, wie er als Spielball von Erdoğan, angeklagt wegen angeblicher „Terrorprogaganda“, seine Zeit in Haft erlebte.

Persönliche Einblicke

Im Schauspielhaus erzählt Deniz Yücel von seiner Isolationshaft im Hochsicherheitsgefängnis und von der Sehnsucht, ein Stück Himmel ohne Stacheldraht zu sehen. Seine größte Angst, so berichtet er, war die, von der Öffentlichkeit vergessen zu werden. In seinem Buch beschäftigt er sich auf eine sehr persönliche Weise damit und schildert bei der Lesung, wieviel ihm die Unterstützung durch die deutsche Protest- und Solidaritätsbewegung #FreeDeniz bedeutete.

Die Verarbeitung des Terrors

Das Buch sei ein Versuch, dieses Kapitel seines Lebens hinter sich zu lassen, sagt Yücel und betont bei der Lesung die therapeutische Wirkung des Schreibvorgangs. Nach seiner Freilassung am 16. Februar 2018, erzählt er, fährt er mit seiner Frau Dilek Mayatürk nach Sizilien, dort holt ihn eine Niedergeschlagenheit ein, die er davor nicht zugelassen hatte. Sein Umgang damit: die Verschriftlichung des Erlebten. Dennoch merkt man ihm den Nachhall des Terrors an, meint ein Besucher der Lesung.

„Deniz Yücel wirkt sympathisch und gefasst, während er von dem Terror seiner Haft berichtet, ab und an merkt man aber sehr wohl, dass er es noch nicht verarbeitet hat“
– Besucher der Lesung Jan F.

Inhaftierung ausländischer Journalisten

Deniz Yücel arbeitet ab 2015 als Auslandskorrespondent der deutschen Tageszeitung „Die Welt“ in der Türkei. Nach den Erdoğan-kritischen Gezi-Unruhen von 2013 und dem Putschversuch 2016 wurde die einst pluralistische Medienlandschaft der Türkei fast vollständig unter die Kontrolle der Regierung gestellt. Zahlreiche Festnahmen kritischer JournalistInnen, unter anderem der deutschen Staatsbürgerin Meşale Tolu und dem deutsch-türkischen Staatsbürger Deniz Yücel, führten zu einer diplomatischen Krise zwischen Ankara und Berlin. Auch der österreichische Journalist Max Zirngast wurde ein Jahr in Ankara festgehalten.

Bis Weihnachten 2019 tritt Yücel noch bei sechs weiteren Lesungen in Deutschland auf. Alle Termine finden Sie hier

Persönliche Einblicke gibt Deniz Yücel auch in der ARD Dokumentation über seine Haft und die Pressefreiheit in der Türkei.